Seecolonie Westende

Eine Gartenstadt mit Strand

Es war einmal eine Sommerfrische...

Westende um 1916
Holzhaus in alt-kurischem Baustil
Die kleine Westend-Villa "Moda"

Die Geschichte der Cranzer Strandsiedlung "Colonie Westende" reicht zurück in die Zeit mitten im Ersten Weltkrieg. Am  westlichen Stadtrand, wo sich auf den Ländereien des Grafen von Batocki bis dahin nur die Flügel einer Windmühle drehten und im Schutz der Dünen der Weg nach Rosenau hinausführte, ließen sich um 1915/16 herum erste wohlhabende Königsberger kleine Sommerhäuser bauen.

Als der Krieg endlich aus war, wuchs aus der Sommerfrische schnell das beliebteste Wohnquartier des Ostseebades. Vor allem Kaufleute und höhere Beamte aus Königsberg, auch mehrere Professoren der Albertina, ließen sich hier Häuser bauen. Schon zehn Jahre später hatte die Kolonie den Charakter einer schmucken kleinen Siedlungsstadt angenommen mit Straßen in Schachbrettbrettmuster und den typischen Gartengrundstücken.

Die neuen Häuser wurden nun in Stein gebaut und so ausgestattet, dass sie auch im Winter bewohnt werden konnten, stattliche Villen begannen das Viertel zu prägen. In den frühen 1930er Jahren entwarf ein Münchener Architekt, Gewinner eines Wettbewerbs der Deutschen Bauhütte, acht Haustypen eigens für das Cranzer Westend. Ein leicht süddeutscher Einschlag ist auch heute noch an manchen original erhaltenen Häusern auszumachen - etwa an der Form der tief eingezogenen Terrassen.

Binnen wuchs "Adolphshöhe"

Kindererholungsheim, um 1930
Sieldungshaus und die alte Mühle

Die historische Seecolonie Westende erstreckte sich beideseits der alten Graf-von Keyserlingk-Straße, der heutigen uliza Gagarina, parallel zur Küste. Zunächst nah am Kliff: Alte Schwarz-Weiß-Fotos zeigen hölzerne Sommerhäuser direkt an der Promenade. Ab etwa 1922 begann sich das Viertel binnenwärts auszudehnen. Zwischen dem einstigen Gut Ziegenfeld und dem "Seewäldchen" wuchs als Teil des Westend die Siedlung Adolphshöhe. Deren größter Teil entstand als typisches Siedlungsprojekt der 1930er Jahre – wahrscheinlich nach dem Beginn der Nazizeit.  Manche der alten Straßennamen klingen entsprechend national: Hindenburgstraße, Tannenbergstraße....

Hie steht, an der einstigen Ecke Berg-/Hindenburgstraße, auch unser Haus. Eine Luftaufnahme aus dem Jahr 1928 und auch ein historischer Stadtplan etwa aus der gleichen Zeit dokumentieren: Damals war dort noch Acker. Nicht mal die Andeutung einer Straße ist zu erkennen.

Originalfotos aus der Entstehungszeit, alte Postkarten etc. sind über dieses vom eigentlichen historischen Cranzer Stadtzentrum recht separiert gelegene Viertel kaum zu finden. Dazu war es als reines Wohnquartier und Sommerfrische vielleicht zu unbedeutend oder schlichtweg zu jung. Interessant sind Unterlagen eines Architektenwettbewerbs, ausgeschrieben von der Deutschen Bauhütte: Es ging darum, einen "landschaftsgerechten" Haustyp für das Westend zu zeichnen.

Begehrtes Wohnviertel

Vom Zweiten Weltkrieg blieb das Westend wie die gesamte Stadt weitestgehend verschont, direkte Kampfhandlungen gab es in Cranz nicht. In sowjetischer Zeit kamen in der Siedlung dutzende Häuser dazu, zum Teil auf den Fundamenten abgerissener alter hölzerner Sommerhäuser, zum Teil wurden historische Villen stark umgebaut. In Adolphshöhe begann in den 1970er Jahren der Bau mehrerer großer Wohnblocks bis an die Bahnlinie nach Swetlogorsk heran. Diese architektonischen Relikte des Sowjetsozialismus sind heute das einzig Störende im altehrwürdigen Cranzer Westend, das sich, auch wenn es unter diesem Namen heute in Selenogradsk natürlich niemand mehr kennt, zum beliebtesten Wohnviertel des Seebades gemausert hat.

Überall wird gebaut, wachsen neue, zum Teil palastartige Villen - am begehrtesten (und teuersten) sind dabei naturgemäß die Grundstücke "in erster Reihe", mit Ostseeblick. Und wenn eines der historischen Häuser aus der Vorkriegszeit nicht abgerissen, sondern "renoviert" wird, dann meist im (neorussischen) Türmchenstil. Zeiten ändern sich.

Auch öffnen immer mehr neue Hotels im historischen Westend. Sie heißen "Kristall", Renaissance", "Apriori" oder "Villa Lana", säumen vorzugsweise die ul. Gagarina oder die Strandpromenade, die sich seit ihrer Renovierung wieder zur Flaniermeile und Hauptstraße des "neuen" Seebades Selenogradsk-Cranz mausert.

Kein Wunder, dass die Villenkolonie inzwischen auch Prominenz lockt. Gleich nebenan hat Oleg Gasmanow, einer der bekanntesten Popsänger und Komponisten Russlands, sein Sommerhaus.

Westend heute: das schönste Viertel des Seebades

Zeitreise in die Heimat der Kindheit

Armin Tischel hatte das alte Westend-Adolphshöhe ganz anders in Erinnerung: eine lichte, grüne Stadtrandsiedlung, einer Gartenstadt ähnelnd, mit unbefestigten, von Staketenzäunen, Vor- und Obstgärten gesäumten Wegen. "Bäume gab es kaum, die waren ganz klein, meistens ja gerade erst gepflanzt. Dadurch war der Eindruck ganz anders als heute, das Viertel ist regelrecht zugewachsen", erzählte er uns. Der gebürtige Cranzer ist in der benachbarten früheren Tannenbergstraße aufgewachsen, knapp hundert Meter von unserem Haus entfernt. Seine Eltern hatten dort 1936/37 ein kleines Siedlungshaus gebaut, es steht leider nicht mehr. Im Sommer 2007 wohnte Armin Tischel eine Woche bei uns, um zum ersten Mal seit 1945 seine alte Heimat wiederzusehen. Lange hatte er gezögert vor dieser Zeitreise aus Wismar zurück an den Ort seiner Kindheit. Er schloss Frieden mit seinem alten Cranz. Ein halbes Jahr später ist er gestorben.